Anna–Sophie Berger & Reinhard Voigt, High on Low, bis 12. Juni 2026

GROTTO
Tra My Nguyen
Fallen Angels
19.07.24—29.08.24
Vernissage: 18.07.2024, 18:00—21:00

Ein Motorrad kippt nach hinten, bäumt sich auf, der Reifen zuerst, in einem langgezogenen Wheelie. Lichter summen nach innen, gedämpft und eingeschlossen hinter der Glasfassade des Gebäudes. In ein Patchwork aus floralen Stoffen gehüllt, erscheint aus dem tiefroten Teppich eine abstrahierte Form, zugleich geheimnisvoll und futuristisch – ein sumpfartiges Monster, bekleidet mit Materialien aus einer anderen Welt.

In Tra My Nguyens Einzelausstellung Fallen Angels bei GROTTO werden Vignetten aus der Kindheit der Künstlerin in Vietnam zu einer hybriden Erzählung verzerrt, in der das Reisen durch die Straßen Hanois mit Verwandten zum Auslöser für Überlegungen zu Colorism, Mobilität und Geschlechterpolitik wird. Das Konzept greift die Kultur weiblicher Motorradfahrerinnen in Vietnam auf, in der Frauen ihre Körper vollständig mit grellfarbenen, bewusst kontrastierenden Kleidungsstücken bedecken, um ihre Haut vor den harschen Sonnenstrahlen zu schützen. Die generischen Blumenmuster und die unkomplizierte Tragbarkeit dieser Kleidungsstücke wandern schnell vom Design zu den Händler:innen, reagieren unaufhaltsam auf die neuesten Trends und überzeichnen Vorstellungen von Massenproduktion. Die Kleidung setzt sich sowohl wörtlich als auch metaphorisch mit dem Begriff der Geschwindigkeit auseinander: Röcke werden geklippt und um die Taille geschlungen, Jacken bis über den Kopf geschlossen – schnell, praktisch, mühelos.

Ausgehend von diesen Kleidungsstücken manipuliert Nguyen ihre Materialien, um den Körper neu zu denken, indem sie die Kleidung aus ihrem ursprünglichen Kontext löst und ihre Funktion in ein neues Objekt überführt. In Riders’ Arc verschiebt sich der Fokus vom physischen Körper hin zu dem eines Fahrzeugs, dessen ergonomische Form bestimmte Kurvaturen hervorbringt: der Sitz wird zu Hüften, die Lenker zu ausgestreckten, kräftigen Armen. Dehnbare Viskose wird um den Körper des Fahrzeugs drapiert und collagiert, an den Nähten mit Textilsilikon versiegelt und bildet so eine schützende Schicht, die die darunterliegende Struktur gleichsam einbettet.

In der textil-skulpturalen Serie Bodies (The Lovers) erweitert Nguyen ihre Auseinandersetzung mit Fragen der Bewahrung. Mittels Digitalisierung und Flatbed-Scanning werden originale vietnamesische Motorradbekleidungen durch technologische Eingriffe und Druckverfahren verzerrt und zu neuen hybriden Textilien transformiert. In Anlehnung an die in Riders’ Arc verwendete Methodik werden Textilien collagiert und digital verfremdet, sodass ein glitchartiges Muster entsteht. Das Material wird anschließend auf ein leichtes Netzgewebe gedruckt, mit Textilsilikon beschichtet und um den weiblichen Körper gewickelt, um Vorstellungen des digitalen wie auch des physischen Körpers weiterzudenken. Die Arbeiten ruhen in einem Aluminiumrahmen in Form einer Schale, der an eine Archivbox eines Museums erinnert und einen Raum schafft, in dem Nguyens skulpturale Formen aufbewahrt und konserviert werden. Sie schlagen die hohle Kontur eines Körpers vor, der einst die Grundlage ihrer Formgebung bildete.

Eine Videoarbeit mit dem Titel Day zeigt eine traumartige Montage und wird auf einen Stoffvorhang projiziert. Sie fängt eine Reise durch die Straßen Hanois ein; Spiegelungen der umgebenden Atmosphäre gleiten über die Glasfassaden der Geschäfte, gegenüber der Künstlerin, die scheinbar selbst die Kamera hält. Gedämpft von Straßenlaternen und trüben Fenstern flackern Erinnerungsbilder über den Vorhang und erzählen eine Geschichte von Bewegung: Der Wind flüstert durch ihre Kleidung auf der offenen Straße, wohin sie unterwegs ist, bleibt ungewiss.

Tra My Nguyen (*1992 in Hanoi, Vietnam) ist eine in Berlin lebende Künstlerin, deren multidisziplinäre Praxis Skulptur, Bewegtbild und Textil umfasst. Ausgehend von diasporischen Perspektiven kontextualisiert ihre Arbeit materielle Kultur innerhalb eines globalen Modernismus neu. Nguyens Praxis arbeitet mit spekulativen Narrativen und untersucht die Schnittstellen von Geschlecht, Arbeit, Migration und Technologie innerhalb der gegenwärtigen neoliberalen Ordnung.
Ihre Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem in der Bundeskunsthalle Bonn (DE), bei Human Resources in Los Angeles (USA), der 4. Ausgabe der Bienalsur in La Plata (AR), der State of Fashion Biennial 2022 in Arnhem (NL) sowie im VCCA in Hanoi (VN). Zudem nahm Nguyen an Künstler:innenresidenzen bei Rupert Residency (2024) und der Intermix Residency in Riad (2022–2023) teil.

Jellies: Lila Steinkampf

Unterstützt von Kemmler Foundation (Kemmler Kemmler GmbH) & W.T.V Bodenbeläge für Messezwecke GmbH

→ Presse

Contemporary Art Daily (26 August)
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taz
Radio 3
Kunstpause. JUNGE FREUNDE der Nationalgalerie (Podcast)

Die Postkarte zur Ausstellung (1) ist online erhältlich via (1)

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